1. Bericht von Lena aus Sambia
Eine Begrüßung, die es in sich hat
Der 14. September 2011, nach außen ein ganz normaler Tag, an dem die große rote sambische Morgensonne mein Gesicht wärmte. Doch was mein Herz wärmte, war der Gedanke daran, dass es an diesem Tag für uns deutsche Freiwillige in die Gastfamilien gehen sollte. Mit unserem Gepäck im Pick up und den allgegenwärtigen Kühen an und auf der Straße ging es Richtung Süden.
In meinem Bauch brodelte es voller Vorfreude und Aufregung auf meine große neue Familie und das sehr kleine Zimba, das in der Nähe von Livingstone liegt. Mit dem typischen Bild im Kopf, dass mich wohl gleich eine ganze Horde sambischer Familienmitglieder begrüßen würde, lud mich unsere Sister Chriscencia in meinem neuen Zuhause ab. Doch wie so oft im Leben kam es ganz anders- keine große Riesenfamilie, sondern eine große grinsende. Ein bisschen enttäuscht von diesem leisen Empfang, brachte mich meine neue Schwester schließlich zum Markt, auf dem wir einen kleinen Stand besitzen.
Ganz benommen von der fremden Sprache, (dem Chitonga) und fremden Gerüchen, stellte mich meine Schwester den anderen Marktfrauen und ein paar vorbeischlendernden Mädchen als ihre Schwester vor. Die jungen Mädchen schauten uns mit ungläubigen Augen an und fragten wie denn, bitte schön, eine Weiße und eine Schwarze Schwestern sein können? Bevor ich irgendetwas über mein Austauschprogramm erklären konnte, sagte meine Schwester auf ihre grobe und doch liebenswerte Art: ”Ah, dieses Mädchen könnte grün oder gelb sein und sie ist immer noch meine Schwester!”
Und damit ist klar, diese Begrüßung war besser als 20 afrikanische temperamentvolle Großfamilien. (Diese Großfamilien sollten übrigens später noch zur Genüge kommen…) Das Entscheidende ist, dass ich hier auf eine Familie stoße, die sich nicht um Hautfarbe schert, sondern mir jeden Tag aufs Neue ins Herz schaut.
Jetzt und heute heiße ich Lena Milimo, bin 19 Jahre alt und lebe im kleinen Zimba und versuche Tag für Tag ein Teil dieser so guten Familie zu werden.
Mein Leben & ich
Milimo heißt übersetzt “Arbeit” und das sagt so einiges über meine Gastfamilie aus. Denn diese Familie ist wirklich daran gewöhnt viel und harte körperliche Arbeit zu leisten. Angetrieben von meiner fast ausschließlich tongasprachigen, über 60 jährigen Bamaama (Gastmutter) packen alle, auch der Kleinste (8 Jahre), je nach seinen oder ihren Fähigkeiten ordentlich mit an. Da lobt man sich Staubsauger, Spülmaschine und Mähdrescher, die das Leben so viel einfacher machen. Denn ohne diese so praktischen Erfindungen gibt es immer etwas zu tun: Im Haus das Chaos vom Vortag beseitigen, mit dem traditionellen Besen den Hof fegen, im Garten den “Cabbage’ (ein kohlartiges Gemüse) bewässern, auf dem Kohleöffchen Kochen oder für die häufigen Besucher das traditionelle Getränk Cibwantu brauen.
Ich habe mich schon so daran gewöhnt morgens um 04 Uhr die ersten frühen Vögel durchs Haus wuseln zu hören, sich für die Maisfeldarbeit bereit machend. Das Milimosche Maisfeld ist grösser als 3 Fußballfelder und das größte und berühmteste in ganz Zimba. Wer sich ein bisschen Geld für Essen oder Schulgebühren verdienen will, ist als sogenannter “piece worker” auf unserer Maisfarm herzlich willkommen. So wird mit den traditionellen Pflügen, von Kühen gezogen, Hacke oder den bloßen Händen gearbeitet bis die heiße Mittagssonne und der schmerzende Körper zum Mittagessen ruft.
Und wenn ich nicht gerade in meiner Familie im Haushalt oder auf dem Feld helfe, geht es mit meinen Freundinnen der Schneidereischule mit dem Traktor in eines der nahegelegenen Villages, um Steine für die zahlreichen Baustellen zu bringen.
Wenn ich mit Blasen an den Händen und zitternden Knien aber überglücklich, etwas beigetragen haben und überwältigt von der puren Natur, von meinen Familienmitgliedern oder Freunden zum Ausruhen geschickt werde, heißt es immer liebenswürdig: “Lena you are a hard worker!”
Und ich gebe auch wirklich alles, auch wenn ich nicht annähernd das leisten kann, was meine sambischen Freunde jeden Tag leisten.
Gut, dass trotz harter Arbeit die Lebensfreude selten verloren geht!
Gerade um Weihnachten als es mal 2 Tage Zeit zum ausruhen gab, blieb noch Energie um mit meinen kleinen Brüdern sehr viel Blödsinn zu machen. Es ist immer wieder schön für mich zu sehen, wie einfach man sie begeistern und aus einfachen Maiskolbenresten ein lustiges Spiel kreieren kann. Manchmal spielen wir Galgenmännchen, da ist dann auch mein großer Bruder eifrig mit dabei. Denn dies ist eine prima Methode für mich, meinen bis jetzt dürftigen Chitonga- und für die anderen drei ihren Englischwortschatz zu erweitern.
Mein zweites Zuhause ist mit Sicherheit das Krankenhaus, in dem ich schnell ein Teil des viel zu kleinen Pharmazieteams geworden bin.
Die allgemeinen Medikamente sind für Jedermann kostenlos. Doch was machen, wenn das Krankenhaus mal für 3 Monate kein Geld hat, um Aspirin, oder Diabetesmedikamente zu kaufen?
Den Focus auf die harte Arbeit gesetzt, vergaß ich sehr oft mich um mich selbst zu kümmern und war abends meistens so müde, dass ich gar nicht mehr in der Lage war Chitonga zu lernen, um mit meiner Bamaama kommunizieren zu können.
So wie es immer hier so schön heißt ‘Take your time”, habe ich mir diese genommen und es hat wie immer ein bisschen länger für mich gedauert zu verinnerlichen, dass man hier in Sambia Fragen muss um jemanden kennen zu lernen. Da ich manchmal durch die Sprachbarriere oder anfängliche Schüchternheit sehr zurückhaltend war und mich selber nicht öffnete, war ich oft alleine und fragte mich, was ich bloß falsch mache.
Doch als der Knoten vor Kurzem platzte, ich mich selber öffnete, merkte ich schnell, wer meine wahren Freunde sind und bin jeden Tag aufs Neue überrascht, wie sehr sie meine Anwesenheit schätzen.
Ansonsten schließe ich mich meiner Familie an, die jetzt erst mal bis April, wenn es Zeit für die Maisernte ist, ausruht.
Über Glauben, Gottvertrauen und meinen Unglauben
In Routine Medikamente in kleine Tütchen packend, mir den Kopf über meinen Bericht zerbrechend, saß ich gestern in der Pharmazie. Ich war ganz alleine, da sich meine flüchtige Kollegin mal wieder aus dem Staub gemacht hatte, um ein bisschen auszuruhen. Da nahm ich am Fenster, an dem die Patienten ihre Medikamente abholen können, plötzlich zwei Patientinnen war. Sie warteten Beide auf ihre Medikamente und legten ihre kleinen Schreibhefte, in denen die zu verabreichenden Medikamente aufgelistet sind, auf das Fenster. Mit den Gedanken ganz wo anders machte ich mich an die Arbeit, packte die Medikamente für das erste Buch. Nun wem soll ich die Medikamente geben? Welche der beiden Frauen gehört welches Buch und Medikamente. “Ist das ihr Buch?” fragte ich die erste Frau, die ein kleines Baby auf dem Rücken trägt und hielt ihr das Buch vor die Nase. Sie guckte mich groß an und nickt. “Sind Sie sich sicher?” fragte ich nochmal, ein bisschen skeptisch. Sie nickte wieder, also erklärte ich ihr die Einnahmeregeln, dieses kleine Kunststück geht mir auf Chitonga inzwischen leicht von der Hand.
Auch das Zweite Medikamentenpaket ist schnell abgepackt und der verbliebenen Patientin verabreicht. Doch was ist denn los, sie fängt an sich zu beschweren! Und tatsächlich, da hab ich doch in meinem Tran die falschen Medikamente an die Falsche vergeben. Ich weiß schließlich, dass manche dieser schüchternen Frauen aus Höflichkeit lieber “jaja” sagen anstatt zuzugeben, dass sie es nicht verstanden haben…
Madam Florence, meine Kollegin die inzwischen zurückgekehrt und über die Vorfälle aufgeklärt, die erste Frau auch nicht mehr finden kann, lächelt mich nur an und sagte: “Lena beruhig dich, Gott wird uns schon helfen! Sie wird es schon merken und wiederkommen” Bumm! Ach ja da ist ja jemand der sich Gott nennt und hier so eine große Rolle spielt und ich einfältiges Ding kann nicht aufhören mir Gedanken zu machen. 10 Minuten später klopft es und die erste Frau steht grinsend da, die Medizin für ihr Kind verlangend.
Lena Schuhmacher , eine-welt-engagement.de